03. März 2026
Beim Panel „Branchenabgaben: Ist ihre Zeit gekommen?” am vergangenen Mittwoch bei der International Live Music Conference (ILMC) in London hat Felix Grädler, Vorstandsmitglied der Bundesstiftung Livekultur und Initiator des Live Music Fund Germany, gemeinsam mit internationalen Branchenvertreter:innen über neue Reinvestitionsmodelle für die Livemusikbranche diskutiert. Mit auf dem Panel neben Felix Grädler: Tam Boakes (Australian Music Venue Foundation), Erica Romero Pender (Live DMA), John Cornwell (SJM Concerts) und Mark Davyd (Music Venue Trust). Die Moderation übernahm Sally Dunstone (Primary Talent International). Im Zentrum der Debatte stand die Frage: Schafft es die Branche, eigene solidarische und tragfähige Modelle zu etablieren oder werden staatliche Abgaben zur Stabilisierung des “Circle of Live” notwendig?
Internationale Bewegung hin zu struktureller Reinvestition
Das Panel zeigte deutlich: Weltweit steht die Livemusikbranche an einem Wendepunkt.
Während Frankreich seit Jahrzehnten eine gesetzliche Ticketabgabe erhebt, wurde in UK durch den Music Venue Trust ein erfolgreiches freiwilliges Abgabenmodell bei Arenashows etabliert. Dort hatte das verantwortliche Ministerium bei zu geringer Beteiligung an diesem Solidarmodell eine gesetzliche Regelung in Aussicht gestellt.
Auch in Deutschland setzt die Branche mit dem Live Music Fund bewusst auf ein freiwilliges, branchengetragenes Modell. Getragen wird dieses Modell von der Bundesstiftung LiveKultur.
“Die internationale Diskussion macht klar: Wenn die Branche nicht selbst handelt, wird reguliert”, erklärte Felix Grädler in London. “Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass freiwillige Reinvestitionsmodelle funktionieren können: Effizient, transparent und marktgerecht.” Es bleibt also spannend ob künftig auf Freiwilligkeit oder Abgaben gesetzt wird, denn noch im Herbst sagte MdB Martin Rabanus (SPD / Sprecher für Kultur und Medien) im Rahmen des Reeperbahnfestivals: “Warum sollten große Player freiwillig abgeben? Es braucht klare Regeln und im Zweifel ein Gesetz.”
Warum die Branche selbst handeln sollte
In der Diskussion bei der ILMC in London wurde deutlich, welche Vorteile freiwillige Modelle gegenüber staatlichen Abgaben haben:
Fachliche Kuration statt politischer Priorisierung
Die Vergabe der Mittel erfolgt durch Auswahl von Branchenexpert:innen und orientiert sich an branchenspezifischem Bedarf und langfristiger Strukturentwicklung und damit unabhängig von parteipolitischen Schwerpunktsetzungen.
Effizienz und Geschwindigkeit
Klare Kriterien und schlanke digitale Prozesse sorgen dafür, dass Mittel zügig dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden.
Marktlogik statt Haushaltslogik
Die Gelder bleiben im Ökosystem und werden reinvestiert, statt Teil allgemeiner Haushaltsstrukturen zu werden.
Wertschöpfung bleibt in der Branche
Die erwirtschafteten Mittel bleiben im System und unterstützen gezielt seine Weiterentwicklung.
Akzeptanz bei Künstler:innen und Veranstalter:innen
Freiwillige Modelle schaffen Mitverantwortung und Dialog und stärken den gemeinsamen Gestaltungswillen.
Gemeinsamer europäischer Trend erkennbar
Ein zentrales Signal der ILMC-Diskussion: Führende Unternehmen und Veranstalter:innen in mehreren Ländern erkennen zunehmend, dass nachhaltiges Wachstum nur möglich ist, wenn die Basis stabil bleibt.
“Der Live-Markt ist erfolgreich. Aber Erfolg an der Spitze darf nicht dazu führen, dass die Grundlage erodiert”, so Grädler. “Reinvestition ist keine Belastung, sondern eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des gesamten Systems.” Neben Deutschland wurden auf dem Panel aktuelle Entwicklungen in Großbritannien, Frankreich, Australien und Kanada diskutiert. In weiteren europäischen Ländern (darunter Niederlande, Spanien, Belgien und Österreich) werden vergleichbare Modelle geprüft. Die ILMC machte deutlich: Die Branche bewegt sich international auf einen neuen Standard zu: Strukturelle Reinvestition als fester Bestandteil eines nachhaltigen Livemarktes.